Samstag, 18. Februar 2012

George Steiner

Hier George Steiner, einer der erstaunlichsten Menschen unserer Zeit, über das Metaphysische in der Musik, das "Andersweltliche".

Ein Freund hat mir den Link geschickt mit der Bemerkung: Ich mag diesen Mann, weil er Seele hat. Der typische Intellektuelle heutzutage hat viel Hirn und kein Herz, oder, bestenfalls, ein kleines bisschen Herz, das er mit einem Riesenhirn zu verbergen sucht.

Leider nur auf Englisch.


Mittwoch, 15. Februar 2012

Ku Klux Klan

Neben meinen Tätigkeiten als Buchautor und Übersetzer veröffentliche ich auch immer wieder Reportagen zu so verschiedenen Themen wie einem mexikanischen Wüstenheiligen, einem wegen Doppelmordes in Virginia einsitzenden Deutschen oder auch einem afroamerikanischen Buchhändler in der tiefsten thailändischen Provinz. Sie sind in publik forum, der Frankfurter Rundschau und auch meiner heimatlichen Zeitung, der Frankenpost, erschienen.
Ich werde sie hier nach und nach ins Netz stellen. Aber Gemach - in allem Technischen bin ich ungeschickt. 


Besuch im Hauptquartier des Ku Klux Klan 

zuerst veröffentlicht in publik forum, 8/2009

Man versteht eine Sache besser, wenn man auch ihren Gegensatz kennenlernt. Wer die Wüste erlebt hat, wird die Bedeutung des Wassers erst richtig ermessen können; wer einmal tagelang nichts gegessen hat, weiß, warum noch unsere Großeltern mit solchem Behagen von der „gefüllten Speisekammer“ sprachen.

Ich hatte, mir einen alten Traum erfüllend, zehn Tage mit einer afroamerikanischen Kirchengemeinde in St. Louis/Missouri verbracht. Ich hatte an den Gottesdiensten teilgenommen, hatte die Sonntagsschule besucht, ich hatte mit vielen Gemeindemitgliedern gesprochen. Da sich das Selbstverständnis der schwarzen Amerikaner vor dem Hintergrund des weißen Rassismus entwickelt hat, wurde es nun Zeit, eben diesen Rassismus genauer kennenzulernen.

Nichts eignete sich dafür besser als der Ku Klux Klan, jene geheimnisumwitterte Rassistenorganisation, die in der amerikanischen Geschichte oft eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Verschiedenen Schätzungen nach gehen seit ihrer Gründung im Jahr 1865 über 50.000 Morde auf ihr Konto, die überwältigende Mehrheit an Schwarzen. Nach starkem Bedeutungsverlust in den vergangenen Jahren befand sie sich nun wieder im Aufwind, da mit Barack Obama der Alptraum aller amerikanischen Rassisten wahr geworden war: der eines schwarzen Präsidenten. Ich hatte von Deutschland aus einen Interviewtermin mit Thom Robb, dem mächtigsten Führer des Klans vereinbart, auch bereits ein Mietauto für die Reise nach Arkansas gebucht; dann aber hatte mir eine Leiterin der Jewish Anti-Defamation League, einer landesweiten Vereinigung gegen Diskriminierung, von einer unbegleiteten Fahrt dringend abgeraten. Der Klan sei unberechenbar, das Hauptquartier einsam in den Wäldern der Ozarks gelegen, nur über eine Schotterpiste zu erreichen und vom Funknetz abgeschnitten. Ich solle unbedingt jemanden dabei haben, sagte sie, der die örtlichen Begebenheiten kenne und notfalls Hilfe herbeiholen könne. Natürlich nahm ich ihre Warnungen ernst und versuchte, in der wenigen Zeit, die mir noch bis zu meinem Interviewtermin blieb, eine Begleitung zu finden — was mir, trotz zahlreicher Telefonate und vielleicht wenig überraschend, nicht gelang. Ich überlegte kurz, ob ich das Interview abblasen sollte; doch dann beschloss ich, alleine zu fahren.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Masturbation

Es wäre einmal interessant, das Verhältnis zwischen Masturbation und dem Erschaffen eines künstlerischen Werks zu untersuchen.  Beides sind einsame Akte, in der der intimsten Phantasie eine wesentliche Rolle zukommt. Glaubt man den Tagebüchern Thomas Manns, dann war er ein großer Onanist. Allerdings lebte er auch in einer sexuell unglücklichen Beziehung.

Bemerkenswert auch: Alle tuns, alle schämen sich dafür, keiner/keine redet drüber.

Ein paar Notizen zur Leere

Die Leere ist der Satan, schreibt der große französische Schriftsteller Julien Green sinngemäß in einem seiner Tagebücher. Er schildert Abende, an denen er ziellos durch seine Pariser Wohnung wandert, nicht wissend, was er mit sich selber anfangen soll. Er lässt schließlich, die Leere nicht mehr ertragend, alle Vorsätze fallen, geht runter auf die Straße und macht sich auf die Suche nach schnellem Sex.

Green war homosexuell und zugleich ein gläubiger Katholik, der als junger Mann zum römischen Bekenntnis konvertiert war. Er hatte ein verbissenes Gesicht, als habe er Tag und Nacht die Kiefernmuskeln angespannt. Seine Sexualität war eines seiner Lebensprobleme. Er konnte den Konflikt zwischen seinen Wünschen und seinen eigenen Ansprüchen nicht lösen. Er wurde fast hundert Jahre alt. Hätte er sich doch freien Lauf gelassen, er hätte ein besseres Leben gehabt. Aber so etwas ist schnell und leicht gesagt.

Apropos Teufel: An anderer Stelle schreibt Julien Green, wie er einmal als junger Mann mit seinem Cousin am Esstisch saß. Der Cousin war noch ein Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Er fragte Julien nach dem Teufel. Julien antwortete (ich zitiere wieder sinngemäß aus dem Gedächtnis):
"Der Teufel kann jede Gestalt annehmen, die er möchte. Ich gehe jetzt aus dem Zimmer. Wenn sich die Tür wieder öffnet, wird der Teufel eintreten. Er wird so aussehen wie ich, so sprechen wie ich, sich so bewegen wie ich. Er wird sogar abstreiten, der Teufel zu sein. Er wird darüber lachen, dass du ihn für den Teufel hältst. Aber es wird der Teufel sein, der jetzt gleich eintritt."
Julien verließ das Zimmer, wartete einen Moment draußen auf dem Flur, betrat es wieder und begrüßte seinen Cousin höflich. Der Cousin, so schreibt er, wurde fast wahnsinnig vor Angst und konnte lange nicht beruhigt werden. Er nahm sich dann Jahre später das Leben, aus Gründen, die nichts mit seinem damaligen Erlebnis zu tun hatten.

Stephane Roussel, eine französische Journalistin, schreibt in "Die Hügel von Berlin" von einem SS-Offizier, dem sie im Zug im nationalsozialistischen Deutschland begegnete. Sie stehen - so schildert es mir meine Erinnerung - am Gangfenster und rauchen eine Zigarette. Sie fragt ihn ein bisschen aus, nach seinem Werdegang, nach seinen Gründen für den Eintritt in die SS:
"Diese entsetzliche Leere in den Jahren der Republik...ich war ziellos...dann trat ich in die SS ein. Seitdem verfolgt mich die Leere nicht mehr."

Wieder ein Zitat: "Wenn man nicht weiß, was man mit seinen Fingern tun soll, raucht man eine Zigarette; wenn man nicht weiß, was man mit seinem Geist tun soll, liest man den Spiegel." Bei mir ist es nicht der Spiegel, sondern die New York Times. Keine schlechte Zeitung, bestimmt nicht; doch wenn ich nach Stunden obsessiven Lesens aus dem Sprachnebel auftauche, habe ich immer das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben. Die Uhr tickt.

Von Goethe, der ja unfassbar produktiv war, heißt es, er habe sich oft gelangweilt; für Peter Zadek, den großen Theaterregisseur, war die Langeweile einer der Flüche seines Lebens.

Vielleicht ist es am besten, die Leere zu ertragen, bis die Fülle zurückkehrt. Einfach still sitzen und warten. Am Neckar, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin, kann man Schleusen bei der Arbeit beobachten: Das Schiff fährt in die Kammer, das Tor schließt sich. In die leere Kammer schießt das Wassser ein. Sie füllt sich. Das Tor öffnet sich. Die Fahrt geht weiter.

Montag, 23. Januar 2012

Der Sinn des Lebens

Der berühmte deutsch-amerikanische Soziologe Amitai Etzioni im Interview mit „The European“:

The European
Was verleiht dem Leben Sinn?

Etzioni 
Drei Dinge. Erstens: dauerhafte und tiefe Beziehungen zu anderen Menschen, zur Familie, zu Freunden. Zweitens: schöngeistige Tätigkeiten wie das Lesen, Musikhören oder Malen. Und drittens: soziales und politisches Engagement, der Dienst an der Gemeinschaft.


(gekürzt und übersetzt von mir)

Dem Reinen ist alles rein

Als ich in der ersten Klasse war, lauerte mir ein älterer Junge, er war vielleicht acht oder neun Jahr alt, regelmäßig auf dem Nachhauseweg auf, packte mich und warf mich grundlos zu Boden.
Möglicherweise suchte ich ein Ventil für meine ohnmächtige Wut, möglicherweise war ich einfach nur auf den Geschmack gekommen: Jedenfalls begann ich nun meinerseits, einen schwächeren Jungen, der in meine Klasse ging, von hinten anzuspringen. Die Angst in seiner Stimme gefiel mir.

Es sind die Guten, vor denen man sich fürchten muss, die, die nichts von den Abgründen in ihrem eigenen Herzen wissen. Sie werden das Böse nur außerhalb ihrer selbst erkennen und deshalb gegen seine Vernichtung nichts einzuwenden haben.
In seinem außergewöhnlichen Buch War Is A Force That Gives Us Meaning schildert der amerikanische Kriegsreporter Chris Hedges Szenen aus der Hölle. Er war in Sarajewo, er war in Ruanda, er war im Gaza-Streifen. Und immer, so schreibt er, waren es die Visionäre, die Idealisten, die von der eigenen Reinheit Überzeugten, die die schlimmsten Verbrechen begingen.

Noch im Moment, da sie mit dem Bajonett zustoßen, glauben sie, die Welt dem Paradies näher zu bringen.

Freitag, 20. Januar 2012

Taliban

Wenn ich den dreien heute begegnen würde, würde ich höflich grüßen und ansonsten sehen, dass ich Land gewinne; vor 15 Jahren aber bewunderte ich die Paschtunen, zu denen diese Männer gehörten. Ihre stolze Unabhängigkeit beeindruckte mich. Weder die britische, noch die sowjetische Armee hatte sie unterwerfen können, ebensowenig wie die der Amerikaner einige Jahre später. 
Solange es mein Visum zuließ, lebte ich in einem paschtunischen Dorf im westlichen Pakistan, nicht weit von der afghanischen Grenze. Ich kaufte einem alten Mann einen Turban ab und ließ mir das Schießen beibringen. Nachts schlief ich in der Koranschule, einem einfachen Gebäude aus Lehm, in dessen Wände Kerzennischen eingelassen waren. Jeden Morgen wurde ich - wie alle im Dorf - vom Muezzin geweckt: Allahu akbar, Gott ist größer. Wenig später kam ein Koranschüler, der mir, geschickt vom Imam, Brot, Tee und einen Eimer eisig kalten Wassers brachte. Die Lieder der Koranschüler, die sie vormittags im Chor zu singen hatten, sind mit das Schönste, was ich je gehört habe. Nachts, wenn ich vom Besuch in einem der Häuser durch das dunkle Dorf zur Koranschule zurücklief, stand ein riesiger Sternenhimmel über den Lehmmauern. Die Gerüche in den engen Gassen waren dann intensiver als tagsüber - betörender, denn ich fühlte mich glücklich wie nie. 

Heute ist mir der Erinnerung peinlich - an meine naive Begeisterung für alles Fremde. Es stimmt schon: Nach einer Weile begreift man, dass die Menschen überall im Wesentlichen gleich sind. Man begegnet am Ende immer sich selber. Solange man das nicht weiß, solange man in dem kindlichen Glauben lebt, das Wunderbare, das Unerhörte liege um die nächste Wegbiegung, solange bewegt man sich in einem poetischen Universum, in der Eichendorffschen Welt des "Taugenichts".

Irgendwann legt man das ab - muss man es ablegen. Man tut es aber nicht ohne Wehmut.



Dienstag, 10. Januar 2012

Monet

© www.zeno.org

Noch als alter Mann, der nach Jahren der Armut und Entbehrung weltberühmt geworden war, durchlitt Monet immer wieder Phasen der Arbeitsdepression. Er zerstörte gerade fertig gestellte Bilder, die nicht seinen Ansprüchen genügten, und beschimpfte sich selber als "Schwein".

Wenn man seine "Seerosen" in einer ihrer Variationen im Original sieht, möchte man das kaum glauben, so leicht, so licht sind diese Bilder.


Freitag, 6. Januar 2012

Was mir ein älterer Herr vor ein paar Monaten im Zug erzählte

"Es war Ende der 60er Jahre. Damals war ich jung; heute bin ich alt. Ich studierte in Heidelberg und hatte mich mit einem jungen Inder angefreundet, dem Sohn eines echten Maharadschas. Wir gehörten zu einem ganzen Kreis von jungen, wohlhabenden Studenten, die aus der sogenannten 3. Welt stammten. Ich war der einzige Deutsche unter ihnen und auch der einzige, der aus einfachen Verhältnissen stammte. Wie das alles gekommen war, wie wir uns angefreundet hatten, wie ich mit den anderen finanziell mithalten konnte - all das weiß ich nicht mehr. Ich nehme an, dass ich von ihnen eingeladen wurde, wenn wir essen gingen oder an den Wochenenden Ausflüge unternahmen. Egal. Ich war jedenfalls mitten dabei und fühlte mich sehr wohl.

Rajan, so hieß der Sohn des Maharadschas, war noch sehr jung, gerade erst 18 oder 19. Sein Vater hatte ihm eine Villa auf der Neckarseite gegenüber dem Schloss gemietet, das man auch aus den Fenstern des oberen Stockwerks sehen konnte. Wer Heidelberg nicht kennt: Schöner und teurer kann man in dieser Stadt nicht wohnen.

Rajan war mädchenhaft zart mit großen braunen Augen, schwarzem, immer genau gescheiteltem Haar, schneeweißen Zähnen. Er hatte lange, schmale Hände. Eigentlich war er noch gar kein junger Mann, sondern immer noch ein Kind, ein empfindsames und dabei hochintelligentes Kind. Seine Stimme war kaum tiefer als die einer älteren Frau; manchmal, wenn er aufgeregt und lachend von etwas berichtete, kiekste sie. Trotz seiner Zartheit schlug in ihm das Herz eines Abenteurers: Er besaß ein kleines Propellerflugzeug, mit dem er uns manchmal an den Wochenenden Kunststücke verführte, ziemlich gefährliche Kunststücke. Wir fuhren alle gemeinsam hinaus zu dem kleinen Flughafen in der Rheinebene, und er schlug vor unseren Augen mit seinem Flugzeug Purzelbäume in der Luft oder stellte den Motor aus, um ihn kurz vor dem Aufschlagen wieder anzustellen.

Noch bemerkenswerter an Rajan fand ich, dass er bereits verheiratet war. Seine Frau, ebenso zart und schön wie er, ebenso braunäugig und schwarzhaarig, stammte aus derselben weitverzweigten indischen Adelsfamilie, war aber trotzdem nur entfernt blutsverwandt mit ihm. Die beiden waren gleichalt und kannten sich bereits seit der Kindheit. Sie studierte ebenfalls, ich glaube Kunstgeschichte. Ihr Name war Surya, was, so weit ich weiß, "Sonne" heißt.

Eines Abends lagen wir alle, der ganze Freundeskreis, zu zehnt oder fünfzehnt auf dem Teppichboden im Wohnzimmer der Villa und hörten Musik. Dies waren die 60er Jahre, also lagen wir alle sehr eng aneinander, ohne Rücksicht auf die verschiedenen Beziehungen und Bindungen, die zwischen einzelnen bestanden.
 

Dienstag, 3. Januar 2012

Indianer

George Washington:
Das unmittelbare Ziel ist die totale Zerstörung und Verwüstung ihrer Siedlungen. Man muss ihre Anpflanzungen zerstören und verhindern, dass sie weiterhin Ackerbau betreiben können.

Benjamin Franklin:
Da es offenbar Wille der Vorsehung ist, dass diese Wilden ausgelöscht werden, um [uns] Platz zu machen, scheint Rum [...] ein angemessenes Mittel zu sein.

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Höhere Kräfte

Die Fußgängerampel schaltete auf grün, also rannte ich los. Ich konnte drüben, auf der anderen Seite der Schnellstraße, das Geschäft sehen, das in einer, in zwei Minuten schließen würde. Wenn ich es dort nicht rechtzeitig durch die Tür schaffte, würde ich den Laptop nicht fristgerecht zurückgeben können -- möglicherweise ein Verlust von 600 Euro.

600 Euro: da vergisst man schon mal, nach links zu schauen. Ich tat es trotzdem und konnte mich eben noch bremsen, als ein Lieferwagen mit 80 oder 100 Stundenkilometern trotz roter Ampel über die Kreuzung raste.

Der Blick nach links rettete mein Leben. Was aber bewog mich, den Kopf zu wenden?

Mittwoch, 28. Dezember 2011

Hilde Coppi


Das ist Hilde Coppi, eine Widerstandskämpferin zur Zeit des Nationalsozialismus. Sie wurde mit ihrem Mann am 12. September 1942 verhaftet. Am 22. Dezember richtete man Hans Coppi hin. Ihr gewährte man Aufschub bis zum 5. August 1943.
Warum?
Sie hatte im November, in der Haft, einen Sohn geboren und durfte ihn stillen.
Diese Frau hat also, in dem Wissen, in Kürze guillotiniert zu werden, ihr Kind jeden Tag gebettet, gewickelt, es in den Schlaf gesungen.

Dienstag, 27. Dezember 2011

Theresienstadt



© Theresienstadt-Lexion; aus dem Prominentenalbum der Jüdischen Selbstverwaltung 1944

Das Haus, in dem ich wohne, hat ein Großonkel nicht lange nach dem Krieg hier oben auf die Lichtenberger Burgruine bauen lassen. Das Geld dazu, er selber war durch Kriegsschäden bettelarm, stammte von einer jüdischen Tante. Sie war in Theresienstadt eingesperrt gewesen und hätte die Jahre im Konzentrationslager ohne meinen Großonkel wohl nicht überlebt. Er kämpfte, so es ihm möglich war, von draußen für sie. Aus Dankbarkeit setzte sie ihn als ihren Alleinerben ein.

Woher aber stammte ihr Geld? Ihr Großvater war Baron Moritz von Hirsch auf Gereuth, ein seinerzeit berühmter jüdischer Mäzen und Förderer des Zionismus.

Er wiederum hatte sein Geld vor allem als Financier der Eisenbahnlinie verdient, die Wien mit Istanbul verband. Auf ihr verkehrten die Züge, die unter dem Namen "Orient Express" berühmt wurden.

Mein Großonkel übrigens war deutsch-national, ein führender Vertreter des "Stahlhelms". Er war mit dem militärischen Widerstand gegen Hitler verbunden. Man vergisst heute leicht, dass noch einmal Welten lagen zwischen den strammen Rechten und den Nationalsozialisten.

Dienstag, 20. Dezember 2011

Krieg

Der Historiker William Manchester in einer autobiographischen Schilderung des 2. Weltkriegs (aus: Chris Hedges, War Is A Force That Gives Us Meaning):
Nicht nur war er der erste japanische Soldat, auf den ich schoss; er war auch der erste, an den ich so nahe herankam. Er war dick wie ein Rotkehlchen und hatte ein Mondgesicht, der kleine, runde Mann. Seine kurzen Beine steckten in ausgebleichtem Khakistoff, der Rest war in eine viel zu enge Uniform gequetscht. Im Gegensatz zu mir trug er einen Stahlhelm. Aber ich hatte von ihm nichts zu befürchten. Sein Arisaka-Gewehr war hinten am Rücken verstaut, in einem Scharfschützenaufsatz, und in der Halteschlinge des Aufsatzes hatte sich der Japaner verfangen. Er konnte seine Arme nicht befreien. Er rollte mit den Augen vor Angst. Er begriff, dass er sich nicht würde verteidigen können und stolperte rückwärts in eine Ecke. 

Montag, 19. Dezember 2011

Heulen und Zähneklappern

Ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem heißen Leib
du Weib.


Diese Zeilen, die nicht von Villon stammen, sondern von Paul Zech, der sie im vergangenen Jahrhundert Villon untergejubelt hatte -- diese Zeilen versetzen jeden Puritaner in Angst und Schrecken. Da mögen sich die Pornographen ins Fäustchen lachen; doch wenn sie einen Funken Selbsterkenntnis besitzen, werden sie selber blass.

Das heftige, leidenschaftliche, sich bis zum Wahnsinn steigernde Begehren eines anderen Menschen schließt immer dessen ganze Person ein. Während sich die Puritaner vor dem Körper fürchten, fürchten sich die Pornographen vor der Seele.

Beide wollen Liebe ohne Risiko. Der eine die Liebe ohne das Risiko, das das Feuer der körperlichen Nähe mit sich bringt. Der andere ohne das Risiko, das das Feuer der seelischen Nähe mit sich bringt.

Freitag, 16. Dezember 2011

Hans Baluschek



Bekannt ist er heute - wenn überhaupt noch - als der Illustrator von "Peterchens Mondfahrt"; doch der 1870 in Breslau geborene und 1935 in Berlin gestorbene Hans Baluschek war ein seinerzeit durchaus prominenter Grafiker, dem die Nazis gleich nach der Machtergreifung Berufsverbot erteilten.

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Genozid (und nochmal New York)

In meiner New Yorker Zeit -- vor rund 25 Jahren -- war ich mit einer älteren Dame befreundet, die mich immer mal wieder zum Essen in ihre Wohnung lud. Das Essen war fürchterlich, die Wohnung noch dazu mit Kakerlaken verseucht, die über die Wände, den Fernseher, sogar den Esstisch liefen. Aber ich hatte damals wenig Geld und war nicht wählerisch.

Diese Dame, die von den Zuwendungen ihres greisen Vaters lebte, war eine unersättliche Leserin. Es verging kaum ein Tag, an dem sie nicht zwei oder drei Bücher verschlang. Wohin aber mit all dem angestauten Wissen? Verwandtschaft hatte sie keine, wenn man von dem Vater absah, der allerdings vier Autostunden entfernt lebte; Freunde ebensowenig; und mit den Nachbarn lebte sie im Dauerstreit. Also musste ich als ihr Gesprächspartner herhalten, wenn ich ein- oder zweimal die Woche bei ihr abends am Tisch saß.

"Gesprächspartner" ist eigentlich das falsche Wort. Sie duldete es nicht, dass man ihr widersprach, ja, sie duldete es nicht einmal, dass man überhaupt etwas sagte. Mir war es recht. Ich hörte ihr zu und aß. Und wenn ich fertig gegessen hatte -- meist servierte sie Spaghetti, auf die sie einen Becher Hüttenkäse kippte -- blieb ich anstandshalber noch zehn, fünfzehn Minuten sitzen, um dann schließlich ihren Redefluss zu unterbrechen und mich zu verabschieden.

Montag, 12. Dezember 2011

New York nochmal

Der letzte Eintrag über New York hat die Pforten der Erinnerung aufgestoßen...

Nach einem Jahr in Brooklyn zog ich im Sommer 1985 nach Manhattan um, in die East Village im Südosten der Insel. Ich verdiente immer noch so wenig, dass ich mir nur ein Zimmer in einem Slum leisten konnte, in der sogenannten Alphabet City, dem Viertel um die Avenuen A, B und C.

Heute wohnen dort Wohlhabende, aber damals, vor 25 Jahren, galt die Gegend als eine der ärmsten und gefährlichsten von New York. Hier lebten hauptsächlich Puerto-Ricaner; auf der Straße war die Sprache Spanisch und die Musik karibischer Salsa. Sie kam aus den Autos und den "Bodegas" an den Straßenecken.

Donnerstag, 8. Dezember 2011

New York, Mitte der 80er: Angst und Faszination

Als ich Mitte der 80er Jahre in New York lebte, hatte die Stadt eine der höchsten Mordraten der westlichen Welt. Ich selber wurde mehrfach Zeuge und Opfer von Raubüberfällen, von "muggings". Die Spannung auf der Straße war mit Händen zu greifen. Ich hatte häufig Angst, aber ich war auch fasziniert, so fasziniert, dass die damalige Stadt mit ihrem Schmutz und ihrer düsteren Bedrohlichkeit noch heute immer wieder in meinen Träumen auftaucht.

Häufiges Traum-Sujet ist die U-Bahn, die ich mehrmals täglich benutzen musste. Ich wohnte in Brooklyn, verdiente mein Geld aber, wie die meisten Leute, in Manhattan. Manchmal, wenn ich nachts nach hause fuhr, stellte ich mich bekifft in den offenen Durchgang zwischen  zwei Waggons und ließ mir den Fahrtwind ins Gesicht blasen. Das war natürlich hoch gefährlich und dazu streng verboten - aber es machte einen Höllenspaß. Die Luft roch nach Teer und Rauch; die Schachtwände, mit ihren roten und blauen Lichtern, rasten in unmittelbarer Nähe an mir vorbei; unter meinen Füßen krischen die Räder auf den Schienen. Wenn der Zug über eine Weiche sprang, wurde ich zur Seite geworfen.

In den stillgelegten Stationen, durch die der Zug mit vollem Tempo durchfuhr, konnte man junge Schwarze auf den Bahnsteigen sehen, wie sie in der Notbeleuchtung tanzten und - so nahm ich an - ihre Drogen nahmen. Die Wände waren voller Graffiti: Grotesk verzerrte Buchstaben und Comicfratzen, die im Vorbeirasen auf mein bekifftes Gehirn einen tiefen Eindruck gemacht haben.

Dienstag, 6. Dezember 2011

Goethe, mit fast 60 Jahren

"Nur nichts als Profession getrieben! Das ist mir zuwider. Ich will alles, was ich kann, spielend treiben, was mir eben kommt und solange die Lust daran währt. So hab' ich in meiner Jugend gespielt unbewusst; so will ich's bewusst fortsetzen durch mein übriges Leben."

Montag, 5. Dezember 2011





















Das ist D., mit dem ich in Chicago ein paar Nachmittage verbracht habe. Er ist im Süden der Stadt aufgewachsen, in einer Wohnung, die weder fließend Wasser noch Strom hatte. Seine Mutter ist eine Drogensüchtige; seine Schwester starb durch eine Kugel ins Gesicht. 
Er ist 21 Jahre alt und arbeitet als Nachtwächter. Tagsüber schläft er oder spielt Computer. 

August von Platen: Wer wusste je das Leben recht zu fassen

Wer wußte je das Leben recht zu fassen,
Wer hat die Hälfte nicht davon verloren
Im Traum, im Fieber, im Gespräch mit Toren,
In Liebesqual, im leeren Zeitverprassen?

Ja, der sogar, der ruhig und gelassen,
Mit dem Bewußtsein, was er soll, geboren,
Frühzeitig einen Lebensgang erkoren,
Muß vor des Lebens Widerspruch erblassen.

Denn Jeder hofft doch, daß das Glück ihm lache,
Allein das Glück, wenn's wirklich kommt, ertragen,
Ist keines Menschen, wäre Gottes Sache.

Auch kommt es nie, wir wünschen bloß und wagen:
Dem Schläfer fällt es nimmermehr vom Dache,
Und auch der Läufer wird es nicht erjagen.


Was wäre dem noch hinzuzufügen?

Ha!

Der estnische Schriftsteller Jaan Kross in Der Verrückte des Zaren:
Ich habe mich entschlossen, Tagebuch zu führen, weil ich in Dinge verstrickt bin, die meines Erachtens so ungewöhnlich sind, dass ein denkender Mensch, der ungewollt ihr Zeuge geworden ist, nicht umhinkann, den Versuch zu unternehmen, seine Beobachtungen niederzuschreiben. Möglich, dass nur ein oberflächlicher Denker so handelt. Jemand, der tiefer in die Dinge eindringt, würde bestimmt auf jegliche Aufzeichnungen verzichten.

Donnerstag, 27. Oktober 2011

Sex kann sich zu einer solchen Intensität steigern...

Sex kann sich zu einer solchen Intensität steigern, dass die berühmten Zeilen aus den "Duineser Elegien" in einem neuen Licht erscheinen:

Denn das Schöne ist nichts
als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören.

Ein anderer Vers fällt mir ein, aus einem Gedicht von Hebbel:

Steigendes, neigendes Leben,
Riesenhaft fühle ich's weben,
Welches das meine verdrängt.

Weder Hebbel noch Rilke hatten Sex im Sinn, als sie diese Verse schrieben, das ist schon klar; aber beide sprachen sie von Kräften außerhalb unseres Ichs, die uns überwältigen.

Dienstag, 25. Oktober 2011

Ich erinnere mich noch gut an den Moment

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Es war im Januar 2009. Wir fuhren mit den Rädern durch die Ebene nordwestlich von Delhi. David zeigte auf den Tempel; im nächsten Moment überholte uns der Motorradfahrer. Der rote Sari seiner Begleiterin - die seitlich auf dem Rücksitz saß - flatterte im Fahrtwind. Die Morgenluft war diesig vom Rauch der Ziegeleien, deren Türme überall aus der Ebene aufragten. 

Oben, im Tempel, musste man sich in Acht nehmen vor den Affen. Sie waren offenbar daran gewöhnt, gefüttert zu werden. Wir hatten nichts für sie; also bleckten sie die Zähne und fauchten uns an.


Montag, 24. Oktober 2011

Das Vermögen, Schmerz...

...zu empfinden, ist beim Menschen begrenzt, das ist bekannt. Aber wie verhält es sich mit dem Vermögen, Lust zu empfinden? 

Ich jedenfalls beobachte bei mir, dass meine Lustfähigkeit oszilliert -- als läge über meiner biologischen eine zweite, unsichtbare Haut, deren Poren sich je nach Tagesverfassung weiten oder verengen. So kann ich beim Sex inzwischen deutlich den Moment vorausfühlen, an der die Lust zu Unlust wird, weil die Berührung zu intensiv, die Nähe zu nah, die Liebe bedrohlich wird -- bedrohlich für den innersten Kern meiner Persönlichkeit, die ihre Autarkie in Gefahr sieht. 

Olorgesailie

Olorgesailie ist eine trockene Senke rund 70 Kilometer südwestlich von Nairobi. In ihr lag in früheren Erdzeitaltern ein See, und am Ufer dieses Sees lebte homo erectus. Über einen Zeitraum von 500.000 Jahren jagten, schliefen und starben die Vorläufer des modernen Menschen hier. In den weißen Kreidesedimenten fanden Mary und Louis Leakey tausende von Faust- und Wurfkeilen. 

Für das ungeübte Auge ist das Skelett eines homo erectus nicht von dem eines homo sapiens zu unterscheiden; das Gleiche, so sagen Paläontologen, würde auch auf seine äußere Gestalt zutreffen, begegnete man ihm an der Fußgängerampel einer Großstadt. Er sprach, sang und träumte ebenso wie wir.

Eine halbe Million Jahre! Der Zeitraum, der vom Anbeginn der Zivilisation im Fruchtbaren Halbmond bis heute vergangen ist, umfasst gerade mal ein Hundertstel.

Was für ein Zeitgefühl hatten diese Menschen? Was empfanden sie, wenn sie nachts zu den Sternen aufsahen?

Wenn man davon ausgeht, dass..

...eine Generation 20 Jahre umfasst, dann genügen 40 Generationen, um den Zeitraum von heute bis zum Hochmittelalter auszuschreiten. Anders gesagt: Vierzig Männer oder Frauen, die einander jeweils Vater oder Mutter gewesen sind, bilden eine Zeitenkette zurück ins Jahr 1211.
Man kann sich die vierzig hintereinander, in einer Schlange, vorstellen. An der Spitze der Schlange stehe ich. Hinter mir steht mein Vater. Hinter ihm seine Mutter, meine Großmutter. Hinter ihr wiederum ihre Mutter, meine Urgroßmutter, die ich nicht mehr kennengelernt habe.
Vierzig Personen. Das ist nicht viel. Das sind gerade

Hier ein starker Vierzeiler

Auf den Gerechten fällt der Regen,
Auch auf den ungerechten Mann. 
Vor allem auf den Gerechten, wegen
Des Schirms, den ihm der andere nahm. 

Samstag, 22. Oktober 2011

Henry Miller

Quelle: www.de.wikipedia.org




















Er war ein Pornograph, ein füchterlicher Angeber, ein Clown, ein großer Künstler -- und er war ein zutiefst religiöser Mensch, ein Mystiker. Ich bedaure, ihm nicht begegnet zu sein; wenigstens die Hand hätte ich ihm einmal schütteln mögen. Er starb im Jahr 1980.

Als Kind deutscher Auswanderer sprach und schrieb er fließend Deutsch. Er berauschte sich an Spenglers Sprache und führte den "Untergang des Abendlandes" mit sich wie eine Bibel. Zeit seines Lebens litt er unter seiner Mutter. Sogar als alter Mann, da war sie schon Jahrzehnte tot, redete er noch schlecht über sie.