Die Leere ist der Satan, schreibt der große französische Schriftsteller Julien Green sinngemäß in einem seiner Tagebücher. Er schildert Abende, an denen er ziellos durch seine Pariser Wohnung wandert, nicht wissend, was er mit sich selber anfangen soll. Er lässt schließlich, die Leere nicht mehr ertragend, alle Vorsätze fallen, geht runter auf die Straße und macht sich auf die Suche nach schnellem Sex.
Green war homosexuell und zugleich ein gläubiger Katholik, der als junger Mann zum römischen Bekenntnis konvertiert war. Er hatte ein verbissenes Gesicht, als habe er Tag und Nacht die Kiefernmuskeln angespannt. Seine Sexualität war eines seiner Lebensprobleme. Er konnte den Konflikt zwischen seinen Wünschen und seinen eigenen Ansprüchen nicht lösen. Er wurde fast hundert Jahre alt. Hätte er sich doch freien Lauf gelassen, er hätte ein besseres Leben gehabt. Aber so etwas ist schnell und leicht gesagt.
Apropos Teufel: An anderer Stelle schreibt Julien Green, wie er einmal als junger Mann mit seinem Cousin am Esstisch saß. Der Cousin war noch ein Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Er fragte Julien nach dem Teufel. Julien antwortete (ich zitiere wieder sinngemäß aus dem Gedächtnis):
"Der Teufel kann jede Gestalt annehmen, die er möchte. Ich gehe jetzt aus dem Zimmer. Wenn sich die Tür wieder öffnet, wird der Teufel eintreten. Er wird so aussehen wie ich, so sprechen wie ich, sich so bewegen wie ich. Er wird sogar abstreiten, der Teufel zu sein. Er wird darüber lachen, dass du ihn für den Teufel hältst. Aber es wird der Teufel sein, der jetzt gleich eintritt."
Julien verließ das Zimmer, wartete einen Moment draußen auf dem Flur, betrat es wieder und begrüßte seinen Cousin höflich. Der Cousin, so schreibt er, wurde fast wahnsinnig vor Angst und konnte lange nicht beruhigt werden. Er nahm sich dann Jahre später das Leben, aus Gründen, die nichts mit seinem damaligen Erlebnis zu tun hatten.
Stephane Roussel, eine französische Journalistin, schreibt in "Die Hügel von Berlin" von einem SS-Offizier, dem sie im Zug im nationalsozialistischen Deutschland begegnete. Sie stehen - so schildert es mir meine Erinnerung - am Gangfenster und rauchen eine Zigarette. Sie fragt ihn ein bisschen aus, nach seinem Werdegang, nach seinen Gründen für den Eintritt in die SS:
"Diese entsetzliche Leere in den Jahren der Republik...ich war ziellos...dann trat ich in die SS ein. Seitdem verfolgt mich die Leere nicht mehr."
Wieder ein Zitat: "Wenn man nicht weiß, was man mit seinen Fingern tun soll, raucht man eine Zigarette; wenn man nicht weiß, was man mit seinem Geist tun soll, liest man den
Spiegel." Bei mir ist es nicht der
Spiegel, sondern die
New York Times. Keine schlechte Zeitung, bestimmt nicht; doch wenn ich nach Stunden obsessiven Lesens aus dem Sprachnebel auftauche, habe ich immer das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben. Die Uhr tickt.
Von Goethe, der ja unfassbar produktiv war, heißt es, er habe sich oft gelangweilt; für Peter Zadek, den großen Theaterregisseur, war die Langeweile einer der Flüche seines Lebens.
Vielleicht ist es am besten, die Leere zu ertragen, bis die Fülle zurückkehrt. Einfach still sitzen und warten. Am Neckar, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin, kann man Schleusen bei der Arbeit beobachten: Das Schiff fährt in die Kammer, das Tor schließt sich. In die leere Kammer schießt das Wassser ein. Sie füllt sich. Das Tor öffnet sich. Die Fahrt geht weiter.