Als ich vor Jahren im Himalaja lebte, begegnete mir dort täglich ein Mann, von dem ich wusste, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Er war um die vierzig und besaß eine vielköpfige Familie, die er mit seiner Anstellung im örtlichen Postamt ernährte.
Er hatte deshalb nicht mehr lange zu leben, weil sein Herz fehlerhaft war. Eine Operation, wie sie für ihn in Singapur möglich gewesen wäre, hätte 10.000 Dollar gekostet. Er erzählte mir das alles einmal auf der Straße, als ich ihn auf sein blasses Aussehen ansprach. Es gebe keine Möglichkeit für ihn, dieses Geld aufzutreiben.
Ich besaß 10.000 Dollar. Das war das Geld, das ich zurückgelegt hatte, um eine Weile in Asien zu reisen. Ich lebte sehr einfach, in einer Lehmhütte am Berg. Auf Komfort kam es mir nicht an, aber aufs Reisen. Wenn ich dem Mann das Geld gab, würde ich wieder nach Deutschland zurückkehren müssen.
Der Mann erzählte mir also von seinem Unglück, ich fand es von den Nachbarn bestätigt. Ich quälte mich. Ich konnte dem Mann, wenn ich ihm begegnete, nicht ins Gesicht sehen. Ich reiste unvermittelt ab.
Im Jahr darauf, im nepalesischen Kathmandu, lief mir ein junger Tibeter über den Weg, dessen Familie ich aus Indien kannte. Er hatte hier Arbeit gefunden. Er war verzweifelt. Seine jahrelange Schulausbildung, sein guter Abschluss waren nichts wert, weil er das Geld zum Studieren nicht hatte. Ich nahm ihn mit in mein Hotelzimmer. Er saß weinend auf meinem Bett. Er brauchte rund 4000 Dollar, in Nepal ein kleines Vermögen. Ich versprach ihm, eine Lösung zu finden.
Ich ging ins nächste Café. Dort sprach ich einen Deutschen an. Er war bereit zu helfen. Wir teilten uns das Schulgeld, er 2000 Dollar, ich 2000 Dollar. Der junge Tibeter kniete am nächsten Morgen in Dankbarkeit vor mir nieder.
Zwei Jahre später, nach erfolgreichem Abschluss des Studiums, bat er mich erneut um Geld. Inzwischen lebte ich wieder in Deutschland. In Indien, so sagte er, gebe es keine Zukunft für ihn, er wolle nach Amerika. Jemand sei bereit, ihn zu schleusen. Ich dachte an den herzkranken Inder und gab ihm die 6000 Dollar, die er brauchte.
Dann hörte ich eine Weile nichts mehr von ihm. Auf meine Emails antwortete er nicht. Als ich nach langer Zeit mal wieder in Indien war, besuchte ich auch seine Mutter. Sie gab mir eine indische Telefonnummer. Ich rief ihn an. Er entschuldigte sich vielmals bei mir und gestand mir, dass er - was ich schon von der Mutter wusste - nie nach Amerika gegangen war.
"Aber was hast du dann mit dem Geld gemacht?", fragte ich ihn.
"Ich habe es ausgegeben. Ich habe ein Jahr in New Delhi gelebt wie ein König."
Ich zog alle möglichen Lehren aus diesen Begebenheiten, aber ich hatte nie das Gefühl, dass ich dem Tibeter böse sein durfte.
Sonntag, 26. Februar 2012
Heidegger
"Wir kommen für die Götter zu spät", schreibt Martin Heidegger, "und zu früh für das Sein." Was meint er damit?
Es ist deshalb nur schwer möglich, über das Sein sprechen, weil es außerhalb unserer gewöhnlichen Erfahrungswelt liegt. Man kann aber in die Richtung zeigen.
Cézanne drückte in vielen seiner Bilder eine Seinswahrnehmung aus, zum Beispiel in diesem:
Es ist deshalb nur schwer möglich, über das Sein sprechen, weil es außerhalb unserer gewöhnlichen Erfahrungswelt liegt. Man kann aber in die Richtung zeigen.
Cézanne drückte in vielen seiner Bilder eine Seinswahrnehmung aus, zum Beispiel in diesem:
Samstag, 18. Februar 2012
George Steiner
Themen:
George Steiner,
Kunst,
Musik
Hier George Steiner, einer der erstaunlichsten Menschen unserer Zeit, über das Metaphysische in der Musik, das "Andersweltliche".
Ein Freund hat mir den Link geschickt mit der Bemerkung: Ich mag diesen Mann, weil er Seele hat. Der typische Intellektuelle heutzutage hat viel Hirn und kein Herz, oder, bestenfalls, ein kleines bisschen Herz, das er mit einem Riesenhirn zu verbergen sucht.
Leider nur auf Englisch.
Ein Freund hat mir den Link geschickt mit der Bemerkung: Ich mag diesen Mann, weil er Seele hat. Der typische Intellektuelle heutzutage hat viel Hirn und kein Herz, oder, bestenfalls, ein kleines bisschen Herz, das er mit einem Riesenhirn zu verbergen sucht.
Leider nur auf Englisch.
Mittwoch, 15. Februar 2012
Ku Klux Klan
Themen:
Amerika,
Ku Klux Klan
Neben meinen Tätigkeiten als Buchautor und Übersetzer veröffentliche ich auch immer wieder Reportagen zu so verschiedenen Themen wie einem mexikanischen Wüstenheiligen, einem wegen Doppelmordes in Virginia einsitzenden Deutschen oder auch einem afroamerikanischen Buchhändler in der tiefsten thailändischen Provinz. Sie sind in publik forum, der Frankfurter Rundschau und auch meiner heimatlichen Zeitung, der Frankenpost, erschienen.
Ich werde sie hier nach und nach ins Netz stellen. Aber Gemach - in allem Technischen bin ich ungeschickt.
Besuch im Hauptquartier des Ku Klux Klan
zuerst veröffentlicht in publik forum, 8/2009
Man versteht eine Sache besser, wenn man auch ihren Gegensatz kennenlernt. Wer die Wüste erlebt hat, wird die Bedeutung des Wassers erst richtig ermessen können; wer einmal tagelang nichts gegessen hat, weiß, warum noch unsere Großeltern mit solchem Behagen von der „gefüllten Speisekammer“ sprachen.
Ich hatte, mir einen alten Traum erfüllend, zehn Tage mit einer afroamerikanischen Kirchengemeinde in St. Louis/Missouri verbracht. Ich hatte an den Gottesdiensten teilgenommen, hatte die Sonntagsschule besucht, ich hatte mit vielen Gemeindemitgliedern gesprochen. Da sich das Selbstverständnis der schwarzen Amerikaner vor dem Hintergrund des weißen Rassismus entwickelt hat, wurde es nun Zeit, eben diesen Rassismus genauer kennenzulernen.
Nichts eignete sich dafür besser als der Ku Klux Klan, jene geheimnisumwitterte Rassistenorganisation, die in der amerikanischen Geschichte oft eine so verhängnisvolle Rolle gespielt hat. Verschiedenen Schätzungen nach gehen seit ihrer Gründung im Jahr 1865 über 50.000 Morde auf ihr Konto, die überwältigende Mehrheit an Schwarzen. Nach starkem Bedeutungsverlust in den vergangenen Jahren befand sie sich nun wieder im Aufwind, da mit Barack Obama der Alptraum aller amerikanischen Rassisten wahr geworden war: der eines schwarzen Präsidenten. Ich hatte von Deutschland aus einen Interviewtermin mit Thom Robb, dem mächtigsten Führer des Klans vereinbart, auch bereits ein Mietauto für die Reise nach Arkansas gebucht; dann aber hatte mir eine Leiterin der Jewish Anti-Defamation League, einer landesweiten Vereinigung gegen Diskriminierung, von einer unbegleiteten Fahrt dringend abgeraten. Der Klan sei unberechenbar, das Hauptquartier einsam in den Wäldern der Ozarks gelegen, nur über eine Schotterpiste zu erreichen und vom Funknetz abgeschnitten. Ich solle unbedingt jemanden dabei haben, sagte sie, der die örtlichen Begebenheiten kenne und notfalls Hilfe herbeiholen könne. Natürlich nahm ich ihre Warnungen ernst und versuchte, in der wenigen Zeit, die mir noch bis zu meinem Interviewtermin blieb, eine Begleitung zu finden — was mir, trotz zahlreicher Telefonate und vielleicht wenig überraschend, nicht gelang. Ich überlegte kurz, ob ich das Interview abblasen sollte; doch dann beschloss ich, alleine zu fahren.
Mittwoch, 8. Februar 2012
Masturbation
Themen:
Kunst,
Sex,
Thomas Mann
Es wäre einmal interessant, das Verhältnis zwischen Masturbation und dem Erschaffen eines künstlerischen Werks zu untersuchen. Beides sind einsame Akte, in der der intimsten Phantasie eine wesentliche Rolle zukommt. Glaubt man den Tagebüchern Thomas Manns, dann war er ein großer Onanist. Allerdings lebte er auch in einer sexuell unglücklichen Beziehung.
Bemerkenswert auch: Alle tuns, alle schämen sich dafür, keiner/keine redet drüber.
Bemerkenswert auch: Alle tuns, alle schämen sich dafür, keiner/keine redet drüber.
Ein paar Notizen zur Leere
Themen:
Julien Green,
Literatur,
Nationalsozialismus
Die Leere ist der Satan, schreibt der große französische Schriftsteller Julien Green sinngemäß in einem seiner Tagebücher. Er schildert Abende, an denen er ziellos durch seine Pariser Wohnung wandert, nicht wissend, was er mit sich selber anfangen soll. Er lässt schließlich, die Leere nicht mehr ertragend, alle Vorsätze fallen, geht runter auf die Straße und macht sich auf die Suche nach schnellem Sex.
Green war homosexuell und zugleich ein gläubiger Katholik, der als junger Mann zum römischen Bekenntnis konvertiert war. Er hatte ein verbissenes Gesicht, als habe er Tag und Nacht die Kiefernmuskeln angespannt. Seine Sexualität war eines seiner Lebensprobleme. Er konnte den Konflikt zwischen seinen Wünschen und seinen eigenen Ansprüchen nicht lösen. Er wurde fast hundert Jahre alt. Hätte er sich doch freien Lauf gelassen, er hätte ein besseres Leben gehabt. Aber so etwas ist schnell und leicht gesagt.
Apropos Teufel: An anderer Stelle schreibt Julien Green, wie er einmal als junger Mann mit seinem Cousin am Esstisch saß. Der Cousin war noch ein Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Er fragte Julien nach dem Teufel. Julien antwortete (ich zitiere wieder sinngemäß aus dem Gedächtnis):
"Der Teufel kann jede Gestalt annehmen, die er möchte. Ich gehe jetzt aus dem Zimmer. Wenn sich die Tür wieder öffnet, wird der Teufel eintreten. Er wird so aussehen wie ich, so sprechen wie ich, sich so bewegen wie ich. Er wird sogar abstreiten, der Teufel zu sein. Er wird darüber lachen, dass du ihn für den Teufel hältst. Aber es wird der Teufel sein, der jetzt gleich eintritt."
Julien verließ das Zimmer, wartete einen Moment draußen auf dem Flur, betrat es wieder und begrüßte seinen Cousin höflich. Der Cousin, so schreibt er, wurde fast wahnsinnig vor Angst und konnte lange nicht beruhigt werden. Er nahm sich dann Jahre später das Leben, aus Gründen, die nichts mit seinem damaligen Erlebnis zu tun hatten.
Stephane Roussel, eine französische Journalistin, schreibt in "Die Hügel von Berlin" von einem SS-Offizier, dem sie im Zug im nationalsozialistischen Deutschland begegnete. Sie stehen - so schildert es mir meine Erinnerung - am Gangfenster und rauchen eine Zigarette. Sie fragt ihn ein bisschen aus, nach seinem Werdegang, nach seinen Gründen für den Eintritt in die SS:
"Diese entsetzliche Leere in den Jahren der Republik...ich war ziellos...dann trat ich in die SS ein. Seitdem verfolgt mich die Leere nicht mehr."
Wieder ein Zitat: "Wenn man nicht weiß, was man mit seinen Fingern tun soll, raucht man eine Zigarette; wenn man nicht weiß, was man mit seinem Geist tun soll, liest man den Spiegel." Bei mir ist es nicht der Spiegel, sondern die New York Times. Keine schlechte Zeitung, bestimmt nicht; doch wenn ich nach Stunden obsessiven Lesens aus dem Sprachnebel auftauche, habe ich immer das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben. Die Uhr tickt.
Von Goethe, der ja unfassbar produktiv war, heißt es, er habe sich oft gelangweilt; für Peter Zadek, den großen Theaterregisseur, war die Langeweile einer der Flüche seines Lebens.
Vielleicht ist es am besten, die Leere zu ertragen, bis die Fülle zurückkehrt. Einfach still sitzen und warten. Am Neckar, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin, kann man Schleusen bei der Arbeit beobachten: Das Schiff fährt in die Kammer, das Tor schließt sich. In die leere Kammer schießt das Wassser ein. Sie füllt sich. Das Tor öffnet sich. Die Fahrt geht weiter.
Green war homosexuell und zugleich ein gläubiger Katholik, der als junger Mann zum römischen Bekenntnis konvertiert war. Er hatte ein verbissenes Gesicht, als habe er Tag und Nacht die Kiefernmuskeln angespannt. Seine Sexualität war eines seiner Lebensprobleme. Er konnte den Konflikt zwischen seinen Wünschen und seinen eigenen Ansprüchen nicht lösen. Er wurde fast hundert Jahre alt. Hätte er sich doch freien Lauf gelassen, er hätte ein besseres Leben gehabt. Aber so etwas ist schnell und leicht gesagt.
Apropos Teufel: An anderer Stelle schreibt Julien Green, wie er einmal als junger Mann mit seinem Cousin am Esstisch saß. Der Cousin war noch ein Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt. Er fragte Julien nach dem Teufel. Julien antwortete (ich zitiere wieder sinngemäß aus dem Gedächtnis):
"Der Teufel kann jede Gestalt annehmen, die er möchte. Ich gehe jetzt aus dem Zimmer. Wenn sich die Tür wieder öffnet, wird der Teufel eintreten. Er wird so aussehen wie ich, so sprechen wie ich, sich so bewegen wie ich. Er wird sogar abstreiten, der Teufel zu sein. Er wird darüber lachen, dass du ihn für den Teufel hältst. Aber es wird der Teufel sein, der jetzt gleich eintritt."
Julien verließ das Zimmer, wartete einen Moment draußen auf dem Flur, betrat es wieder und begrüßte seinen Cousin höflich. Der Cousin, so schreibt er, wurde fast wahnsinnig vor Angst und konnte lange nicht beruhigt werden. Er nahm sich dann Jahre später das Leben, aus Gründen, die nichts mit seinem damaligen Erlebnis zu tun hatten.
Stephane Roussel, eine französische Journalistin, schreibt in "Die Hügel von Berlin" von einem SS-Offizier, dem sie im Zug im nationalsozialistischen Deutschland begegnete. Sie stehen - so schildert es mir meine Erinnerung - am Gangfenster und rauchen eine Zigarette. Sie fragt ihn ein bisschen aus, nach seinem Werdegang, nach seinen Gründen für den Eintritt in die SS:
"Diese entsetzliche Leere in den Jahren der Republik...ich war ziellos...dann trat ich in die SS ein. Seitdem verfolgt mich die Leere nicht mehr."
Wieder ein Zitat: "Wenn man nicht weiß, was man mit seinen Fingern tun soll, raucht man eine Zigarette; wenn man nicht weiß, was man mit seinem Geist tun soll, liest man den Spiegel." Bei mir ist es nicht der Spiegel, sondern die New York Times. Keine schlechte Zeitung, bestimmt nicht; doch wenn ich nach Stunden obsessiven Lesens aus dem Sprachnebel auftauche, habe ich immer das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben. Die Uhr tickt.
Von Goethe, der ja unfassbar produktiv war, heißt es, er habe sich oft gelangweilt; für Peter Zadek, den großen Theaterregisseur, war die Langeweile einer der Flüche seines Lebens.
Vielleicht ist es am besten, die Leere zu ertragen, bis die Fülle zurückkehrt. Einfach still sitzen und warten. Am Neckar, in dessen Nähe ich aufgewachsen bin, kann man Schleusen bei der Arbeit beobachten: Das Schiff fährt in die Kammer, das Tor schließt sich. In die leere Kammer schießt das Wassser ein. Sie füllt sich. Das Tor öffnet sich. Die Fahrt geht weiter.
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